20min Artikel – Finger-weg.ch

Diese 25-Jährige will das EU-Waffenrecht stoppen

angehende Büchsenmacherin

von P. Michel - Die EU erschwert den Verkauf von halbautomatischen Waffen. Die Schweiz übernimmt die Richtlinie. Die Büchsenmacherin Ines Kessler kämpft dagegen. Vor ihr liegen ein Plastikhammer, der Pistolenlauf einer Mauser C96 und die entsprechenden Kleinteile. Daneben prangt in roten Lettern: «Finger weg von meiner Berufslehre». Mit diesem Plakat kämpft die angehende Büchsenmacherin Ines Kessler auf Facebook gegen die EU-Waffenrichtlinie, die auch für die Schweiz gilt. Auch an der Glasfront ihres Lehrbetriebs in Kreuzlingen prangt ihr Konterfei, beim Eingangsbereich liegen Flyer auf. Die Botschaft ist klar: Übernimmt der Bundesrat das strengere Waffengesetz – wozu er durch Schengen/Dublin verpflichtet ist –, ist es vorbei mit dem «liberalen» Schweizer Waffenrecht und Kesslers beruflicher Zukunft.

Waffenverkäufer fürchten Mehraufwand

Doch so grimmig wie die 25-Jährige auf dem Plakat dreinschaut, ist sie in Wirklichkeit nicht. Als 20 Minuten sie in ihrem Lehrbetrieb, der ihrem Vater gehört, besucht, ist sie gut gelaunt, bietet Kaffee und ein Exemplar ihres Waffenkatalogs an. Im Gegensatz zu anderen Exponenten aus der Szene, die bei der Debatte um die Verschärfungen oft die Beherrschung verlieren und den Bundesrat kurzerhand als Volksverräter bezeichnen, äussert sich die angehende Büchsenmacherin im dritten Lehrjahr differenzierter. «Ich bin nicht gegen mehr Sicherheit, aber die EU-Richtlinien tragen dazu rein gar nichts bei», sagt Kessler. Sie befürchtet, dass die zusätzliche Bürokratie das Büchsenmacher-Geschäft ihres Vaters, das sie einst übernehmen möchte, zerstören könnte. So wären etwa halbautomatische Waffen wie das Schweizer Sturmgewehr mit einem Magazin von mehr als 20 Schuss verbotene Waffen, die es nur mit einer Ausnahmebewilligung des Kantons zu kaufen gäbe.

Von der Lehrerin zur Büchsenmacherin

«Das würde dazu führen, dass man die gesamten Bestände neu kategorisieren müsste – und ich bin heute schon mehr im Büro als in der Werkstatt», sagt sie. Zudem müssen Waffenverkäufer neu nicht nur Buch über die Verkäufe führen und diese innert 30 Tagen per Post melden, sondern auch innert zehn Tagen eine elektronische Meldung erfassen. «Wir können es uns schlicht nicht leisten, dafür jemanden zusätzlich anzustellen.» Sich politisch für die Schweizer Waffenfreunde einzusetzen, wäre vor ein paar Jahren für die junge Kreuzlingerin kaum denkbar gewesen. Nach der Oberstufe absolvierte sie das Lehrerseminar, verfolgte den Beruf aber nicht weiter, weil ihr die pädagogische Arbeit doch zu wenig lag. Ihr nächstes Ziel war Polizistin. Um ihre Chancen darauf zu verbessern, absolvierte sie den Militärdienst als Flugplatzsoldatin und studierte Rechtswissenschaften, um zur Kriminalpolizei zu kommen. Doch das Studium brach sie abrupt ab: «Ich erkannte, dass mich das Thema Waffen nicht mehr losliess, nachdem ich jeweils in den Ferien im Geschäft meines Vaters im Büro gearbeitet hatte.» Faszinierend an Waffen findet sie deren Geschichte und die Mechanik dahinter. Zwar seien einige ihrer Freunde über ihren Schwenker bei der Berufswahl befremdet gewesen. «Einige fanden: ‹Waffen stehen für Gewalt, was kann man daran finden?›» Auch wenn eine Waffe missbraucht werden könne, sieht sie als Mitglied eines Schützenvereins die Waffe nicht als Tötungs-, sondern als Sportgerät: «Schiessen hat etwas Meditatives, Entspannendes.»

«Wer einen Anschlag plant, kauft keine Waffe bei uns»

Die Diskussion über den von der EU geforderten Bedürfnisnachweis nimmt dann Vater Werner Kessler vorweg. Er erklärt, was für ein «Stuss» dieser Nachweis sei. Der Bedürfnisnachweis sieht vor, dass der Besitzer einer halbautomatischen Waffe nach fünf und zehn Jahren beweisen muss, dass er entweder Mitglied eines Schiessvereins ist oder sonst regelmässig sportlich schiesst. Auch Tochter Ines hält das für «heikel», denn es sei nicht präzisiert, welche Instanz entscheide, was «regelmässig schiessen» heisse. Auch unklar sei, wer entscheide, ob der Bedürfnisnachweis erbracht sei. «Inwiefern trägt das nun zur Sicherheit gegen Terrorismus bei?», fragt Kessler. Sie ist überzeugt: «Wer einen Anschlag plant, erwirbt eine Waffe ohnehin auf dem Schwarzmarkt.» Für die Befürworter der Richtlinie sind diese Massnahmen nur pragmatisch. Die SP schreibt etwa: «Halbautomatische Waffen spielten bei mehreren verheerenden Terroranschlägen eine zentrale Rolle und gehören allein in die Hände militärischer und polizeilicher Schutzkräfte sowie – gestützt auf Ausnahmebewilligungen – von Sportschützen.» Auch der Bundesrat hält in seinem Entwurf fest, dass die Eigenheiten des Schweizer Schiesswesens durch einen Kompromiss mit der EU gewahrt bleiben und das Gesetz «dem Kampf gegen den Missbrauch von Waffen dient, deren Verwendung viele Menschenleben fordern kann». 2015 starben in der Schweiz 231 Menschen durch Schusswaffen, davon 211 durch Suizid. Diese Zahlen seien ihr bekannt, sagt Kessler. Die heutigen Prüfungen reichten aber aus. «Es kamen schon Kunden zu mir, denen ich keine Waffe verkauft habe, weil ich ein schlechtes Gefühl hatte», sagt sie. Leider könne man kaum verhindern, dass sich diese Personen die Waffe illegal beschaffen.

Im Zweifelsfall für ein Referendum

Nachdem die Vernehmlassung der EU-Waffenrichtlinie im Januar ausgelaufen ist, arbeitet der Bundesrat nun eine Gesetzesbotschaft aus. Enthält diese weiterhin die strittigen Punkte, bleibt Ines Kessler kämpferisch, wie sie erklärt, während sie ein antikes Gewehr restauriert: «Hier steckt mein Herzblut drin, dafür bin ich auch bereit, für ein Referendum zu sammeln.» Auch der Vater, der seit 40 Jahren als Büchsenmacher arbeitet, will solange dranbleiben, bis der Bundesrat jegliche Verschärfungen aus dem Gesetz streicht. «Als der Bund vor Jahrzehnten die Büchsenmacher-Lehre abschaffen wollte, haben ich und einige Kollegen das Berufsreglement in Fronarbeit geschrieben – wir sind also bereit, für unseren Beruf zu kämpfen.» http://www.20min.ch/schweiz/news/story/Diese-25-Jaehrige-will-das-EU-Waffenrecht-stoppen-23464995

Hier gehts zum Interview mit unserer Lehrtochter Ines Kessler.

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